Gute Orte, böse Orte

In den letzten drei Tagen habe ich nun schon fast meine komplette neue Wohnung kennengelernt.

Mein Dosenöffner hat den ganzen Stress der tausend neuen Eindrücke und Gerüche für mich erträglicher gemacht, indem er meine neue Welt in kleinere Teilbereiche aufteilte. Er hat mir nämlich nicht die ganze Wohnung auf einmal zugänglich gemacht, sondern nach einiger Zeit immer mal wieder mein Terrain erweitert, indem er eine weitere Türe zu einem anderen Raum geöffnet hat.

Mein Dosenöffner achtet dabei vor allem darauf, wie ich mich in meinem bisherigen Reich verhalte: Blicke ich mich ständig hektisch um und wirke ich nervös und angespannt oder liege ich entspannt auf dem Boden und putze mich und/oder bin zum gelassenen Spielen aufgelegt?

Wenn ich entspannt wirkte, war es Zeit etwas Neues zu entdecken und weil ich eine sehr neugierige Katze bin, die sich immer sicher fühlt, wenn (m)ein Dosenöffner in der Nähe ist, ging das auch ganz schnell.

In den “Schrank unter der Treppe” (nein, mein Dosenöffner heißt nicht Harry Potter, aber er hat dennoch so eine Abstellkammer) darf ich aber noch nicht rein, denn dieses “Zimmer” ist noch nicht Paula-tauglich.

Darin sind noch ein paar Dinge zu erledigen, damit ich mir nicht weh tue oder es für mich gefährlich werden kann. Dort steht zum Beispiel der Plastik-Sack mit den Wertstoffen offen herum. Das ist bestimmt etwas, was mich anregt darin Dinge zu entdecken, aber wenn ich mich in der großen Tüte verfange, kann ich auch ganz schnell darin ersticken oder mich an einem Dosenrand schneiden (usw).

Leider ist mein Dosenöffner zur Zeit aber krank (laut Ärzten ist das nichts, was mir gefährlich werden kann und bis gestern trug er auch noch eine Atemmaske zur Sicherheit) und liegt oft mit dem dem Notebook im Bett. Das ist zwar toll für mich, weil er immer da ist, aber er muss trotzdem ganz schnell wieder gesund werden, weil seine Kollegen ihn bestimmt vermissen (und natürlich vor allem, um Geld für mein Futter zu verdienen). Dafür muss er sich viel ausruhen und kann deshalb leider nicht noch irgendwelche Änderungen in der Wohnungsausstattung vornehmen. So muss ich auf das letzte Zimmer leider noch ein wenig warten.

Eine Tür ist generell tabu für mich, selbst wenn sie offen steht. Das habe ich schon bemerkt. Die Türe zu diesem Raum ist meistens zu, aber wenn sie mal zur angelehnt ist (z.B. weil sich Dosenöffner die Zähne putzt oder duscht), darf ich dennoch nicht rein. Dosenöffner macht mir das dann sofort mit einer sehr bestimmten Klangart seiner Stimme und einer strengen Armgeste deutlich und ich komme nicht umhin das zu bemerken und dann halte ich mich auch daran.

Im Moment hört sich seine Stimme nur manchmal ziemlich komisch an, weil Dosenöffners Arzt zu ihm gesagt hat, dass er möglichst nicht sprechen soll und wenn er dann mal kurz was sagen muss, klingt das oft sehr komisch. Aber ich weiß trotzdem was er meint.

Ob ich mich auch daran halte, wenn er nicht da ist und ich die Gelegenheit hätte den Raum zu betreten, bin ich mir noch nicht ganz sicher, denn hey: ich bin eine Katze!

Paula, die Katze
Paula, die Katze

Mal abgesehen von diesen beiden Räumen tut Dosenöffner (wenn er es kann) sonst aber alles dafür, dass ich mich wohlfühle.

Zum Beispiel: Weil mir diese andere komische Mitbewohner (der einmal am Tag mit einem elektrischen Schnurren durch die Wohnung geht und alles frisst, was er findet) meiner Lieblingsmatte manchmal ein wenig zu nahe kam, hat Dosenöffner zwei Holzbretter unter meinen Lieblingsplatz gelegt. Davor hat sich der komische Mitbewohner manchmal auf meiner Matte regelrecht festgefressen und lies erst wieder los, wenn Dosenöffner ihn aufgehoben und umgesetzt hat. Das war mir dann nicht so geheuer. Jetzt traut sich dieses komische Ding nicht mehr bis zu meiner Matte, sondern hält noch ein paar Zentimeter vorher an bzw. dreht einfach wieder um (auf dem Foto sieht man noch das “Vorher”). Jetzt ist alles cool und ich schau dem komischen Mitbewohner entspannt von meiner Matte aus zu.

Wenn Dosenöffner wieder gesund ist, macht er mir bestimmt ein tolles Brett in der passenden Größe für die Matte. Denn aktuell passt das noch nicht so 100%.

Jetzt muss mein Dosenöffner aber den Notebook weglegen, denn er hat noch was zu erledigen. Da er nicht darauf vorbereitet war diese Woche krank zu sein und er auch noch ganz alleine wohnt, muss er jetzt dringend vor die Türe und wenigstens die allerwichtigsten Besorgungen machen.

Das ist nämlich ein wenig blöd bei meinem Dosenöffner. Die Familie und Verwandtschaft wohnen >500km entfernt und seine Freundin wohnt aktuell auch noch ein Stück weit weg. So muss Dosenöffner (krank hin oder her) eben auch mal selbst vor die Türe, wenn wir morgen noch was Essbares im Haus oder Nachschub an Medizin haben wollen.

Dafür ist er, wenn er zurück ist, wieder richtig geschafft und ich kann dann ganz sicher wieder lange im Bett mit ihm kuscheln.

Eure Paula

Mit Scharf?

„Möchten Sie von allen Beilagen etwas in Ihren Döner?“ fragt mich der freundliche junge Mann mit türkischen Migrationshintergrund hinter der Theke, mein persönliches Objekt der Begierde (den eben von mir bestellten und gerade noch in Produktion befindlichen Döner) noch in der einen Hand haltend, während die andere Hand bereits routiniert in Richtung der diversen Beilagen wandert.

Ich befinde mich in einer der vielen Dönerbuden in Hamm in Nordrhein-Westfalen. Für alle, für die “Hamm” nun nicht unbedingt ein Begriff ist: das ist in der Nähe von Dortmund. Gestern bin ich nach mehrstündiger Fahrt aus Süddeutschland hier angekommen – sofern man sich in dieser “Stadt” überhaupt angekommen fühlen kann.

Das Wetter ist kalt und regnerisch, ich bin total übernächtigt und außerdem ziemlich mies drauf – ein Umstand, der zusätzlich dadurch befeuert wird, dass ich gewaltigen Kohldampf habe und wenn ich hungrig bin, dann bin ich ohnehin schon reizbarer als im gesättigten Zustand.

Meine Verärgerung gilt weder dem vor mit stehenden Mitbürger, der seiner Dienst leistenden Tätigkeit mit vorbildlicher Freundlichkeit und Sorgfalt nachgeht, noch dem Zustand des Döners, den ich gleich zu verschlingen beabsichtige, und sie gilt auch sonst nichts, was sich aktuell um mich herum befindet.

Nein, meine Verärgerung gilt nur mir selbst.
Und im Moment überlege ich noch, wieso das so ist …

Schon seit ich den Döner-Laden betreten habe und mich der Verkäufer zum ersten Mal ansprach, indem er mir eine freundliche Begrüßung widmete, war ich eigentlich schon echt angepisst. Genau genommen stieg diese pissige Laune seither sogar deutlich an und zwar jedes Mal ein bisschen mehr, wenn ich den jungen Mann, der gerade am Fleisch-Spieß zu schaffen macht, reden hörte.

Und wie ich so innerlich gerade dabei bin Ursachenforschung hinsichtlich meiner Angepissheit zu betreiben, spricht der Türke schon wieder zu mir: „Möchten Sie in Ihren Döner auch etwas von der Cocktail-Soße? Die ist sehr lecker!“ und in diesem Moment bemerke ich, ich werde immer pissiger, je mehr ich diesen netten Türken reden höre!

Nein, ich bin kein Rassist.
Ich bin auch nicht rechts oder nationalistisch … im Gegenteil.

In meiner aktuellen Angepisstheit könnte ich mir das gar nicht leisten, denn ich stelle über mich selbst erschrocken fest, dass das, was mich seit wenigen Minuten so sehr ärgert, die Erkenntnis ist, dass dieser freundliche junge Mann hinter dem Tresen, dessen Vorfahren vermutlich erst vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen sind, ein tadellos reines Hochdeutsch mit mir spricht, wohingegen ich als Dorfjunge aus dem tiefsten Schwabenland ums Verrecken nicht von meiner dialektischen Einfärbung in der Aussprache wegkomme und ich mich im Vergleich zu ihm wie der Ausländer anhöre.

Leider, so stelle ich erschrocken fest, ist meine deutsche Aussprache weit von dem reinen Deutsch dieses Türken entfernt, denn in meinem Sprachzentrum tummeln sich anders klingenden Wortmelodien und Vokale, die Betonungen von Worten schwingen in meinen Stimmbändern anders und  garniert wird dies alles obendrein noch durch diverse weitere (natürlich ebenfalls regional bedingte) grammatikalische Unsitten wie zum Beispiel das mit  der Frau, die wo gesagt hat dass …

Kurz gesagt: ich komme mir gerade wie so ein richtig dumm-dusseliges Landei vor und das PISST MICH SELBER AN!

Es ärgert mich auch, weil ich just in diesem Moment retrospektiv bemerke, wie überheblich ich in der Vergangenheit oft in Alltagssituationen gewesen sein muss, wenn ich auf fremdländische Menschen traf, die der Deutschen Sprache weniger mächtig waren als ich. Ich meine, ich war nie unfreundlich oder abweisend, aber so ganz tief drinnen habe ich mich doch ganz komfortabel mit der Gewissheit arrangiert, die Deutsche Sprache besser zu beherrschen als mein Gegenüber und vielleicht war ich nie sensibel genug dafür zu erfassen, wie es wirklich ist, in einer Situation wie die meines Gegenübers zu sein.

Obendrein bin ich ein Reisemuffel. Mit Ausnahme eines Urlaubs in London und einer anstrengenden Woche an so einem Teutonengrillstrand an der Adria hatte ich bisher eigentlich keine nennenswerte Gelegenheit selbst als Ausländer irgendwo Erfahrungen von der anderen (sprachlich eingeschränkten) Seite her zu sammeln. Englisch war nie so mein großes Problem (Probleme in der Kommunikation mit mir hatten höchstens die Briten) und in dem kleinen Touristenkaff an der Adria sprach sowieso jeder Deutsch.

Und all diese Gedanken, Eindrücke und Erinnerungen tummeln sich in meinem Kopf und vermengen sich mit der von meinen rechtschaffenen Eltern mir  anerzogenen Moral, welche sofort ein schlechtes Gewissen von der Leine lässt, während mich der junge Türke völlig arglos und unbeabsichtigt  mal eben schnell so nebenher in meiner eigenen Muttersprache an die Wand klatscht.

Und dann steh ich da, den Döner (mit Cocktail-Soße) in der Hand haltend, und überlege,  ob ich nicht einfach wortlos aus dem Laden gehen und in den erstbesten Zug zurück nach Stuttgart steigen solle.

Ich bin nicht in den Zug gestiegen.
Ich habe den Döner bezahlt und ich hab ihn gegessen.

Er war lecker.
Aber ich war bis heute nie wieder in dieser Döner-Bude.

Das Ganze passierte im Jahre 2006 hier in Hamm, wo ich inzwischen seit mehr als 10 Jahren wohne. Wenn man mich heute fragt, wie ich mich nach mehr als einer Dekade hier fühle (inzwischen empfinde ich die Gegend hier oft schon als meine Heimat) oder was meine ersten Eindrücke hier waren, so gehört diese Geschichte noch immer zu den ersten Erinnerungen, die mir dazu in den Sinn kommen.

Nun gut, ich habe daraus keine besonderen Konsequenzen gezogen.

Weder habe ich angefangen Deutsch auf Lehramt zu studieren noch habe ich Integrationskurse besucht. Ich habe seit damals auch nicht häufiger den Duden aufgeschlagen, sondern wie bisher auch immer nur dann, wenn es mir wirklich absolut wichtig war mich nicht zu blamieren … und ansonsten habe ich mich einfach bis heute mit meinem Halbwissen arrangiert.

Ich hätte in der Zwischenzeit also wirklich genug tun können, um das damals empfundene Defizit ein wenig zu beheben. So wichtig war es mir dann aber wohl doch nicht.

Ich glaube, es hat mich schlicht völlig unerwartet getroffen, bemerken zu müssen, wie insgeheim voreingemommen ich doch bin (obwohl ich mich doch immer als tolerant und aufgeschlossen empfinde und jede Art von rechten Gedanken für Schwachsinn halte), weil ich merkte, dass ich bisher wohl immer grundsätzlich davon ausgegangen war, dass jemand, der nicht mein mitteleuropäisches Aussehen hat, meine Muttersprache gefälligst weniger gut zu beherrschen hat als ich.

Doch wie jede gute Geschichte, so hat auch diese Geschichte ihr “Happy End”, denn beim Verlassen des Döner-Ladens war ich wieder ein wenig mehr mit der Welt und mir selbst versöhnt.

Nicht nur, weil ich meinen Hunger losgeworden war und ich mir ganz fest vorgenommen hatte an meiner Voreingenommenheit zu arbeiten, sondern auch wegen des nächsten Kunden, der die Dönerbude betrat, als ich sie gerade verlassen wollte.

Dieser Kunde hatte auch nicht gerade (m)ein mitteleuropäisches Aussehen und sprach: „Olgum, gibs Du mir ssswei Dehner und ein Pommes“.

Na also, geht doch!